Vorgereinigte Rosinen und Zitronat aus Tomaten

Die Bäckerei Walther gibt es seit nunmehr 50 Jahren - ein Rück- und Ausblick

"Wir stellen zum 1. Juni 1962 in Oberwiesenthal einen Bäcker ein. Er verdient 1,40 Mark pro Stunde." In der Firmenchronik lässt sich nachlesen, wie der Bäcker Eberhard Walther mit seiner Frau Gisela sein erstes Geschäft gründete. Heute, 50 Jahre später, leitet sein Sohn Matthias Walther die Filialen in Dresden. Der Bäckermeister erinnert sich gern an seine Kindheit in der Backstube.

 Ein zufriedener Bäckermeister Matthias Walther:

Als Matthias Walther 1968 in Dresden geboren wird, hat die Familie Walther bereits eine schwere Zeit hinter sich. Der fünfjährige Aufenthalt in Oberwiesenthal stellte sie auf eine harte Probe. Denn die Anzahl der Kunden blieb überschaubar und Backressourcen waren begrenzt. So erhielt die Bäckerei in einer Stollensaison gerade einmal drei Kilogramm Butter. Hinzu kamen eiskalte Winter, die an vielen Tagen die Herstellung von Sauerteig-Broten durch Minusgrade in der Backstube verhinderten.

Im Jahr 1967 beschloss die Familie, nach Dresden zu ziehen und fand nach kurzer Zeit auf der Leipziger Straße 111, in der ehemaligen Bäckerei Fiedler, einen Neuanfang. Mit viel Arbeit, Investition und Modernisierungen hatte die kleine Familie einen großartigen Start in der neuen Stadt, was nicht zuletzt an der in Oberwiesenthal gesammelten Erfahrung lag. Die folgenden zehn Jahre baute sich die Familie in Dresden eine Existenz auf und gewann Kunden, die noch heute einen Bogen um andere Bäckereien machen, um ihre altbewährten Walther-Brötchen zu kaufen. Doch auch an der Elbe hatten die Bäcker unter den Umständen und Zumutungen der DDR zu leiden und nicht wenige Sommer gingen dahin, in denen die ganze Familie, um noch einigermaßen frisches Obst zu erhalten, zentnerweise Erdbeeren und Kirschen zupfte und durch die Gegend schleppte.

Mit einem Schmunzeln erzählt Matthias Walther auch von den "vorgereinigten" Rosinen, die allerlei Extras wie Nägel, Äste und Zigarettenstummel enthielten, welche mühsam heraus gesammelt werden mussten. Zahlreiche weitere Geschichten kann Matthias Walther erzählen von Zitronat aus grünen Tomaten bis zum Marzipanersatz aus Erbsenmehl. 

Im Jahr des Wandels 1989 folgten auch für die Bäckerei Walther viele Reformen. So wurde der von Eberhard Walther mitgebaute 40 Tonnen schwere Ofen gegen einen moderneren ausgetauscht und nach und nach folgten weitere neue Maschinen, die jedes Bäckerherz höher schlagen ließen. 

In den folgenden Nach-Wende-Jahren wurden die Bäcker plötzlich mit einem nie dagewesenen Problem konfrontiert: den Kunden konnten die Semmeln plötzlich nicht mehr groß genug sein und die alten "DDR-Brötchen" wurden verschmäht. Also sah sich die Bäckerei gezwungen, dem Druck der Kunden nachzugeben und die gewünschte untraditionelle Ware herzustellen. Allerdings kehrten schon nach wenigen Jahren die ersten kleinlaut zurück und fragten nach den liebgewonnenen, alten Walther-Brötchen. 

Zwei Jahre nach dem neuen Jahrtausend übernahm Bäckermeister Matthias Walther, der in den Jahren zuvor seinen Meisterabschluss absolviert hatte und mit waghalsigen Gebäck-Konstruktionen einige Wettbewerbe gewonnen hatte, die Bäckerei. Ein problemloser Einstieg als Geschäftsführer blieb ihm jedoch verwehrt, denn kaum sechs Wochen darauf zog ein Teil der Elbe in den Kellerräumen der Bäckerei ein und Walther litt wie viele Dresdner im Jahr 2002 unter erheblichen Hochwasserschäden. 

Das restliche Jahr wurde mit einer großen Anzahl an Reparaturen und Modernisierungen ausgefüllt und auch in den zehn Jahren folgte eine Innovation der anderen. Weitere Filialen wurden eröffnet, alte ausgebaut oder vergrößert und Matthias Walther erfüllte sich mit seiner Frau Katrin den Traum einer Keksmanufaktur, von der es mittlerweile ebenfalls mehrere Filialen gibt. 

Inzwischen beschäftigt Matthias Walther 34 Angestellte in sechs Geschäften in ganz Dresden und bietet auch Ausbildungsplätze für Lehrlinge an. 2012 sei wieder ein Jahr mit vielen Veränderungen, meint Walther, was, wenn man sich die letzten 50 Jahre ansieht, nichts neues ist. Dennoch blickt er gern zurück, denkt an all die Zeit in der Bäckerei, die rund 130 Mitarbeiter, die bis heute gekommen und gegangen sind und stellt nun die Weichen für die Zukunft. Zwar ist die Bäckerlaufbahn seiner Söhne noch ungewiss, doch Matthias Walther ist zuversichtlich, was den weiteren Weg des Unternehmens betrifft. 

Karl F. Zimmermann