Kaiserwürde und zwei Riesenstollen

Vor 140 Jahren, am 19. Januar 1871, so berichteten die Dresdner Nachrichten, teilt der preußische König Wilhelm I. dem sächsischen König Johann aus Versailles mit, dass er die ihm angetragene deutsche Kaiserwürde angenommen habe (18. Januar 1871).

Die Nachricht sorgt im offiziellen Dresden für Begeisterung. Zum Ausdruck kommt das in einem überschwänglichen Grußschreiben des Dresdner Stadtrates an den "allerdurchlauchtesten Kaiser, großmächtigsten Fürsten, allergnädigsten König und Herr".

Drei Tage später vereinigen sich die Dresdner Bäcker "zu einer patriotischen Ehrenfestgabe", schicken diese aber an die sächsischen Prinzen in Versailles. Albert und Georg, die den "Herr´n Franzosen schön ein mit geheizt" haben, sie erhalten zum Dank von den Bäckern je einen nahezu drei Ellen (170 Zentimeter) messenden Riesenstollen. Als Zugabe gibt es ein Gedicht, in dem es unter anderem heißt:

"Wir Bäcker der Residenz Dresden bewahren

Ein eherndes Vorrecht seit Hundert´von Jahren;

Und unsere Fürsten leutselig und mild,

Sie waren uns Bäckern darin stets gewillt.

Wenn unsere Dresdner recht freuen sich sollen,

Darfs Weihnacht nicht fehlen an üblichen Stollen,

Daran labt sich Alles, nicht Klein nur, auch Groß,

Es darf selbst nicht fehlen dem König im Schloß.

Wir Sachsen sind einmal gemüthliche Leute,

Es theilt der Fürst mit dem Volke die Freude.

Und so ist es entstanden im Laufe der Zeit

Ein Brauch, der uns Bäcker noch heute erfreut;

denn niemals vergaßen sich ein stets zu stellen

Zu Weihnacht die Meister samt ihren Gesellen

Im Schlosse vor König und Königin,

Zwei Stollen zu spenden mit fröhlichem Sinn."